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Glut des Glaubens

Wie gelingt es, die Glut unseres Glaubens, die so oft von der Asche des Alltags verdeckt wird, neu zum Lodern zu bringen?
Wie gelingt uns in Kirche und Gesellschaft ein Blick nach vorne, eine Perspektive des Frühlings?

Erzbischof Robert Zollitsch

Darüber diskutiert man in der Diözese Würzburg

Wie wird die Kirche wieder glaubwürdig?

Ein Positions- und Diskussionspapier aus der Sicht einer Gemeindeseelsorgers

Ein Pfarrer – Stefan Kömm, Niederwerrn – hielt dieses Referat im Dekanatsrat. Ein Positions- und Diskussionspapier aus der Sicht einer Gemeindeseelsorgers.
Inzwischen wird es in weiten Kreisen diskutiert.
Stefen Kömm stellte es für kirche-innovativ zur Verfügung. Diskutieren Sie mit!

Zur Bedeutung der Fragestellung
„Wie glaubwürdig ist die Kirche?“ Die Antwort auf diese Frage ist eigentlich sehr einfach und zugleich sehr erschreckend: Die Katholische Kirche ist die derzeit unglaubwürdigste Institution in Deutschland.

Wenn man die Deutschen fragt, welchen Institutionen sie Vertrauen schenken, wer für sie „glaubwürdig“ ist, dann war bisher immer klar, wer nicht darunter war: Banken, Industriekonzerne und politische Parteien. Sie landeten ganz hinten in den Ranglisten. Doch diese rote Laterne haben sie nun weitergereicht:

In der jüngsten Befragung hat die Hamburger Stiftung Wirtschaftsethik erstmals die beiden großen Kirchen in die Liste der abgefragten Institutionen aufgenommen – mit verheerendem Ergebnis für die katholische Kirche, sie landete auf dem letzten Platz. Selbst die eigenen Mitglieder schenken ihr weniger Vertrauen als der evangelischen Kirche, die im Mittelfeld liegt.i

Diese Glaubwürdigkeitskrise nur auf den Missbrauchsskandal des letzten Jahres zurückzuführen, wäre allerdings zu kurz gegriffen. Es ist alarmierend, wenn eine Untersuchung wie die große Online-Studie „Perspektive Deutschland“ schon vor fünf Jahren zu dem Ergebnis gekommen ist, dass nicht einmal 45Prozent der Deutschen Vertrauen in die katholische Kirche haben. Nach den Missbrauchsskandalen des letzten Jahres hat sich dieser Wert nun noch einmal rapide verschlechtert. Aber eigentlich verliert die Kirche schon seit Jahren das, was sie am meisten braucht: Ihre spirituelle Leuchtkraft. Wie kann sie Glauben vermitteln, wenn sie selbst nicht mehr glaubwürdig ist?

Die Frage nach der Glaubwürdigkeit stellt sich auf allen Ebenen: vom Papst über die Bischöfe zu den Priestern und den Gemeindemitgliedern. Dabei geht es um ein geistliches Grundanliegen: um die Übereinstimmung von Glauben und Leben, von Worten und Taten. Dass wir auch wirklich leben, was wir verkünden – daran hängt alles.ii

Der Isenheimer Altar hat mit dem berühmten Finger des Johannes des Täufers, der auf den gekreuzigten Christus zeigt, ein Grundbild dessen gefunden, was Kirche eigentlich ist. Sie ist Zeigefinger, Hinweis, wie das Konzil sagt: „Zeichen und Werkzeug“. Die Kirche ist weder selbst unangefochtener Gegenstand der Glaubwürdigkeit, noch ist sie Herstellerin der Glaubwürdigkeit, sondern ihre Aufgabe besteht darin, auf die Glaubwürdigkeit Gottes hinzuweisen und sie zu bezeugen. Gott ist glaubwürdig. Das Evangelium ist glaubwürdig.

Die Kirche hat in ihrer Verkündigung und in ihrer Lehre von Anfang an über Dinge und Dimensionen gesprochen, die größer und wichtiger und wahrer sind als sie selbst. Vom ersten Tag der Christenheit an ist das Evangelium selbst überzeugender und glaubwürdiger gewesen als die Menschen, die es weitererzählt haben. Anders wäre der breite Strom von Erinnerungen in den Evangelien nicht zu erklären, nach denen Jesus offensichtlich selbst immer wieder an der Unglaub

Würdigkeit seiner Jünger verzweifelt. Wie oft beklagt er ihren kleinen Glauben! Wie oft muss er Petrus aus den Fluten retten! Das Grundbild der Kirche heißt: Die Kirche lebt von der Glaubwürdigkeit des Evangeliums, nicht umgekehrt. Der Bezeugung der Glaubwürdigkeit Gottes in der Welt und vor den Menschen hat die Kirche zu dienen.iii

Zugleich wird so auch deutlich, was Menschen in der Kirche an Unglaubwürdigkeit entfalten können: Die Kirche kann sich aus dieser Rolle des Hinweisens und Bezeugens hinaus bewegen und sich gleichsam vor das glaubwürdige Evangelium stellen. Die Zeugen und Zeuginnen der Kirche können das Evangelium sozusagen unsichtbar machen, indem sie sich selbst zu breit machen. Denn klar ist: Eine missbrauchende, eine machtgierige, eine gleichgültige, eine nachlässige, eine banale, eine korrupte, eine erstarrte usw. Kirche bzw. eben solche Vertreter dieser Kirche können die Glaubwürdigkeit des Evangeliums unsichtbar machen. Menschen können durch unverantwortliches Handeln Gottes Evangelium so verstellen, dass es nicht mehr zu sehen ist. Unangemessenes “kirchliches Bodenpersonal” kann die Glaubwürdigkeit des Evangeliums erheblich beschädigen. iv

Dasselbe gilt aber auch für Strukturen. Auch kirchliche Regelungen, Gesetze, Vorgaben und Umgangsformen können das Evangelium verstellen. Dann muss man auch sie in Frage stellen. Nach dem Memorandum war jetzt öfter zu hören: „Diese Strukturdebatten lösen auch nicht die Glaubenskrise in unserem Land!“ Das stimmt. Aber wo Strukturen das Evangelium verdunkeln, ist es nicht nur sinnvoll, sondern sogar absolut notwendig über Strukturen zu diskutieren. Denn auch da geht es letztlich um Glaubwürdigkeit, die Voraussetzung dafür ist, dass man letztlich Gott glaubt, an Gott glaubt.

Darum geht es bei der Frage nach der Glaubwürdigkeit nicht um eine Randfrage, so als könnten wir wieder zum Tagesgeschäft übergehen, auch wenn „die da draußen“ nichts mehr von uns halten. Wenn Kirche nicht Selbstzweck ist, sondern Hinweiserin, dann geht es hier um einen zentralen Aspekt unseres Wesens. Dazu kommt: Dem Evangelium ist zu allen Zeiten auch widersprochen worden. Wo das geschieht, wo Menschen die Botschaft bewusst ablehnen, darf die Kirche getrost „den Staub von den Sandalen schütteln“ und zum nächsten Ort der Verkündigung weiterziehen. Ein Skandal ist aber, wenn die Kirche selber in ihrem Auftreten dem Kern der Frohen Botschaft widerspricht, wenn Menschen sie ablehnen, weil sie zu wenig vom Evangelium in der Institution und den Menschen, die sie repräsentieren, wiederfinden. Wer diese Ablehnung mit dem Unglauben des einzelnen abtut, verletzt nicht nur den, der nicht glauben kann, sondern auch die Treue zum Evangelium.

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Aktualisiert am 22. Juli 2011

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