Papst Benedikt im Dialog (3)
Wenn er doch nur mehr zugehört hätte! Ich glaube, Zuhören und Verstehenwollen könnte wieder eine Verbindung schaffen zwischen der Lebenswirklichkeit vieler Menschen und der Kirche.
Was mein Leben betrifft:
Ich bin verheiratet mit einem protestantisch sozialisierten Partner,
ich habe homosexuelle Freunde, Freundinnen und Bekannte,
meine Schwester und viele weitere Bekannte sind geschieden und wieder verheiratet.
Wir haben selbstverständlich Möglichkeiten der Verhütung genutzt, um nach Abschätzung unserer durch unsere Biographien bedingten Kräfte die Verantwortung für zwei Kinder zu übernehmen.
Wir werden natürlich zu gegebenem Anlass mit unseren Kindern über verschiedene Verhütungsmöglichkeiten sprechen – auf der Basis eines verantwortungsvollen, nicht in Beliebigkeit abdriftenden Partnerschaftsverständnisses.
All diese Themen würden laut Glaubensgrundsätzen ein mehr oder minder großes Problem darstellen. Und so entscheidet man nach eigenem Gewissen und lebt eben vieles ganz anders und wundert sich über nicht wirklich lebensnahe Vorgaben.
Ebenso fordert der Alltag uns sehr heraus, und es kostet viel Energie, das Familienleben „gut geschmiert“ am Laufen zu halten. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass nach einer anstrengenden Woche samstags noch gemeinsame Pflichten erledigt werden müssen und dass der Sonntagmorgen der erste Zeitpunkt ist, zu dem man sich mal in Ruhe und ohne Termindruck als Familie begegnen kann. Hier entstehen oft wertvolle Gespräche, die sonst nicht möglich sind. Für uns wäre beispielsweise ein Gottesdienst am frühen Sonntagabend viel besser. Er würde auch die Möglichkeit bieten, sich kurz vor Beginn der neuen Woche noch mal zu sammeln und Kraft zu tanken.
Ein weiterer Punkt ist das Ehrenamt. Es bereitet mir Sorgen, dass in Zukunft noch mehr Aufgaben ehrenamtlich erledigt werden sollen. Da muss man aufpassen, dass die Ehrenamtlichen nicht irgendwann erledigt sind. Man muss auch die Gelegenheit haben, sich einfach mal nur tragen zu lassen, mal nicht zu geben – ausruhen – aufatmen – auftanken.
Ein weiterer Punkt beschäftigt mich. Ich bin in diesem Jahr nach Worms gekommen und bin an der Stelle gestanden, an der Luther nicht widerrufen hat. Das hat mich sehr berührt. Ein Mensch, der seiner inneren Stimme, seinem Gewissen gefolgt ist – und das unter Lebensgefahr. Wenn wir das heute tun/täten, setz(t)en wir uns (zumindest als Laien) keiner größeren Gefahr mehr aus. Ich habe mir daraufhin Luther´s Biographie besorgt und war sehr beeindruckt. Was dann daraus geworden ist, ist mir leider auch zu „wortlastig“, und es wirkt mir auch oft nicht authentisch genug. Aber der Mut dieses Mannes, seinem Gewissen zu folgen, ist beeindruckend.
Wir gehen mit dieser Schere im Kopf (von Anspruch und Wirklichkeit) so um, dass wir uns im Allgemeinen wenig darum kümmern und versuchen, unseren Glauben so zu leben, wie er eben im Moment auch ist. Dazu gehört auch, dass der Glaube sich wandelt. Es kann doch niemand verordnen, was ich zu glauben habe. Ich kann doch nur glauben, was ich eben glauben kann.
Ein kritischer Punkt ist für mich derzeit das Verständnis von „Sühneopfer“. Mit dieser Thematik habe ich seit längerer Zeit große Probleme.
Und so taucht immer wieder die ein oder andere Fragestellung und der ein oder andere Zweifel auf; dürfen die sein??
Es muss sein dürfen, das Leben fordert es heraus. Hier hat unter anderem auch die Erfahrung von Krankheit eine entscheidende Rolle gespielt. Ich bin dankbar, die schwere Zeit der Erkrankung überstanden zu haben. Hier hat mein Glaube mir geholfen, die Menschen, die Lieder, die Gebete. Aber ich kann und will nicht an einen Gott glauben, der mit Krankheit quält. Krankheit passiert, gehört zum Leben, und der Glaube kann helfen. Und kann ich Gott um Gesundheit bitten? Und warum erkranken andere dann so schnell wieder? Hier bleiben viele unbeantwortete Fragen, die man auch mal stellen, denen man sich stellen muss.
Und zu guter Letzt:
Ich habe beruflich mit so vielen verschiedenen Kulturen und Religionen zu tun, dass mir jeder missionarische Gedanke absurd erscheint.
Jeder soll seinen Glauben haben dürfen, solange er nicht gewalttätig, ausgrenzend oder manipulativ ist, und es kann kein besser oder schlechter, wahrer oder falscher geben.
Wenn wir
Einem anderen Volk
Einer anderen Kultur
Einer anderen Religion
BEGEGNEN
Ist es unsere
Erste Aufgabe
Unsere Schuhe
AUSZUZIEHEN
Denn der Ort
Den wir da betreten
Ist heiliger Boden
Sonst könnte es sein
Dass wir
Die Liebe
Den Glauben
Die Hoffnung
Eines anderen
ZERTRETEN
Oder was noch
Viel schlimmer wäre
VERGESSEN
Dass Gott schon
Vor unserer Ankunft
Dort war.
Aus Asien
Ich betrachte es als eine große Freiheit, diese Gedanken so formuliert haben zu dürfen.
(Die Verfasserin ist der Redaktion bekannt)
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Aktualisiert am 14. Oktober 2011



kurt faulhaber schrieb am
14. Oktober 2011 um 19:29Wieseli schrieb einen Kommentar.
siehe: Papst Benedikt im Dialog (6)